Sechs Hypothesen zur neuen Verantwortung von IT-Dienstleistern

Wie wir uns als IT-Dienstleister verändern müssen, um in fünf bis zehn Jahren weiterhin eine Rolle zu spielen

Was ist die Verantwortung von IT-Dienstleistern, wenn nicht Technologie?

Es gibt auch in 2026 nicht das IT-Systemhaus oder den IT-Dienstleister. Aber natürlich kann man Verallgemeinerungen finden. 

Viele von Euch haben sich in den letzten Jahren zum MSP entwickelt. Vor 10 Jahren waren Managed Services zwar das Hype-Thema, aber ehrlicherweise lebten nicht wenige vor allem noch von der Break&Fix-Mentalität und haben IT-Feuerwehr gespielt. Diese Transformation der Geschäftsmodelle hat viel Kraft gefordert und ich kann verstehen, wenn es eine gewisse Transformationsmüdigkeit gibt. Ich glaube aber, dass wir uns als Dienstleister nochmals verändern müssen, wenn wir in fünf bis zehn Jahren weiterhin eine Rolle spielen wollen. 

Ich habe sechs Hypothesen aufgestellt, die wehtun können, weil sie unseren Geschäftszweck in Frage stellen. 

1. Technologie ist eine Commodity

Unsere technologische Differenzierung ist am Ende. Ob Cloud-Infrastruktur oder M365-Management – diese Dinge sind 2026 Standardgüter. Kunden setzen heute einfach voraus, dass ihre IT funktioniert. Mit der besten Firewall oder durch das smarteste Backup gewinnen wir beim Kunden nicht mehr an Bewunderung.

Die unbequeme Wahrheit ist dabei: Wenn das Produkt austauschbar ist, ist der einzige echte Schutzgraben für unser Geschäftsmodell als IT-Dienstleister die Qualität der Kundenbeziehung. Der persönliche Austausch mit dem Kunden und das Vertrauen des Kunden in uns als Dienstleister wird zum wertbestimmenden Faktor unserer Leistung.

2. Vom Techniker zum Strategen

Viele von uns haben sich aus Liebe für Technik selbstständig gemacht und mit dieser Leidenschaft tolle Unternehmen aufgebaut. Auch in anderen Branchen sind die Gründer in den meisten Fällen über die Leidenschaft für das Produkt erfolgreich geworden. 

Aber es kommt nun zu einem Generationswechsel unter den Entscheidern. Die Nachfolger kommen häufig aus dem kaufmännischen Bereich und steuern die Unternehmen über Kennzahlen und Skalierung der Geschäftsmodellentwicklung. Systemhäuser, die sich ausschließlich als technische Werkbank des Kunden sehen, werden es deswegen zukünftig schwer haben. 

Kunden erwarten in der Zukunft, dass wir als IT-Dienstleister einen positiven wirtschaftlichen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten. Das erfordert von uns ein professionelles Management der Kundenerwartungen und Verständnis für das Geschäftsmodell und die betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge bei unseren Kunden. Dafür ist eine Veränderung in unseren Unternehmen notwendig. Weniger Technik und mehr Output-Orientierung.

3. KI erzeugt eine Margenfalle

Das KI unser Geschäfts massiv verändert, darüber sind wir uns vermutlich einig. 

KI ist für uns als Systemhäuser einerseits ein Geschenk, weil sie uns ermöglicht, unsere Leistung effizienter zu erbringen. KI wird uns aber auch zunehmend in ein wirtschaftliches Dilemma bringen. Unsere Kunden glauben nämlich, dass sie durch KI einen Anspruch auf Preissenkungen haben. 

Jetzt sind wir ja Fachleute und wissen, dass die IT-Kosten in allen Bereichen steigen: Allein die Kosten für SaaS-Leistungen sind im Schnitt in den letzten Jahren jedes Jahr prozentual zweistellig gestiegen. Diesen Widerspruch müssen wir moderieren und den Wert unserer Leistung nun vollständig vom zeitlichen Aufwand entkoppeln.

Denn nehmen wir mal an, KI macht uns in der Zukunft tatsächlich 50 % schneller und wir geben diesen Kostenvorteil in der Kalkulation als MSP an den Kunden weiter, dann halbieren wir unseren Umsatz. Wenn wir das nicht aktiv moderieren, werden wir als Systemhäuser schleichend Marge verlieren, so wie es viele von uns schon einmal nach den goldenen Zeiten des Hardwarehandels erlebt haben.

4. KI liefert die Leistung, aber wir als Unternehmer den Wert.

KI hilft uns zwar, unser Handwerk zu automatisieren und zu optimieren, aber sie übernimmt nicht die Verantwortung. Unser Fokus als Unternehmer muss darauf liegen, was der Algorithmus nicht kann. Kontext beim Kunden verstehen, Widerstände und Bedenken ausräumen und Ergebnisverantwortung übernehmen. Unser Geschäftszweck verschiebt sich dadurch. Wir geben ihm die Sicherheit in KI-gestützten Prozessen die richtigen Schlüsse zu ziehen.

5. Den Weg aufzeigen, statt reiner Verwaltung

Große Teile der deutschen KMUs fühlen sich von technologischer Komplexität und die regulatorischen Anforderungen der Digitalisierung überfordert. Der Mensch neigt bei Überforderung zur Kapitulation, also dazu, gar nichts mehr zu tun. Nichts zu tun, ist für Unternehmen existenzgefährdend. 

Das bedeutet für uns als Dienstleister: Wir müssen unseren Kunden helfen, ihre Hilflosigkeit zu überwinden. Das Erreichen wir, indem wir unseren Kunden in einem für sie unübersichtlichen Markt Orientierung geben und sie begleiten in nicht einfachen Fragestellungen, wie z.B. der Frage der Souveränität. Wenn wir diesen Kulturwandel in unseren Systemhäusern hinbekommen, werden wir zum Wegbereiter für den Kunden. Das Gute ist: In der Rolle wird man besser bezahlt als als Maschinist der Infrastruktur.

6. Zukunftshoffnung muss zum Geschäftszweck werden

Psychologische Unsicherheit führt bei Kunden zu sinkender Kundenloyalität. Wenn wir als Menschen und Dienstleister Zuversicht ausstrahlen und Lösungen statt Klagen liefern, sichern wir nicht nur unser Geschäft, sondern stabilisieren auch die Kundenbeziehung: 

Wir werden quasi zum psychologischen Ankerpunkt für unsere Kunden – nicht nur technisch, sondern menschlich. Keiner möchte mit einem Dienstleister arbeiten, der alles nur schwierig findet.

Wem das zu esoterisch klingt: Das ist gut belegt. Extremistische Ränder erstarken vor allem aufgrund bestehender psychologischer Unsicherheit von Menschen, die auch noch gezielt gefüttert wird. Insofern sehe ich unsere gesellschaftliche Verantwortung als Unternehmer auch weiter gefasst. Wenn wir als Unternehmen psychologische Sicherheit schaffen, wirkt das nicht nur in unseren Unternehmen und den Kundenbeziehungen, sondern auch darüber hinaus positiv.

Zusammenfassend:

  • Die Zeit der reinen Managed Services als Selbstläufer ist vorbei. Technologie wird zum Hygienefaktor. Es ist ein Kulturwandel hin zum Beziehungs- und Strategiemanagement im Systemhaus notwendig. 
  • KI und technologischer Fortschritt verschaffen uns die Freiheitsgrade, uns intensiver um den Kunden, sein Geschäftsmodell, seine Wirtschaftlichkeit und seine digitale Zukunft zu kümmern. 
  • Diese Intensität der vertrauensbasierten Kundenbeziehung ist das, was uns als IT-Dienstleister in der Zukunft am Markt positiv abgrenzt. 

Die sechs Hypothesen zum Download.

Autor

Mark Schröder

Vorstandsvorsitzender

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